Valeria Medina, Neuropsychologin bei NeuronUP, analysiert die wissenschaftliche Evidenz zum Proteintrend und seinen tatsächlichen Auswirkungen auf die Gehirngesundheit und Kognition.
Der aktuelle Trend zu proteinreichen Ernährungsweisen hat den Makronährstoff Protein zu einem unbestrittenen Symbol gesunder Ernährung gemacht. Doch was sagt die wissenschaftliche Evidenz über die tatsächlichen Auswirkungen von Protein auf das Gehirn?
Eine angemessene Zufuhr ist zwar entscheidend für die Synthese von Neurotransmittern und den Erhalt der neuronalen Struktur, eine übermäßige Zufuhr bei körperlich inaktiven Menschen garantiert jedoch keine Verbesserungen der neurokognitiven Funktionen und kann sogar andere essenzielle Nährstoffe verdrängen. In diesem Artikel analysieren wir die metabolischen, strukturellen und kognitiven Auswirkungen der „Proteinifizierung“, damit Fachkräfte im Gesundheitswesen ihre Patientinnen und Patienten wissenschaftlich fundiert beraten können.
Die „Proteinifizierung“ der Ernährung: ein wachsendes Phänomen
Innerhalb weniger Jahre hat sich Protein von einem Nährstoff, der fast ausschließlich mit Bodybuilding in Verbindung gebracht wurde, zu einem der großen Symbole gesunder Ernährung entwickelt. Die Kennzeichnung „proteinreich“ findet sich heute auf Getreideprodukten, Brot, Desserts, Snacks und Getränken und gilt vielen Menschen automatisch als Qualitätsmerkmal.
Das Phänomen hängt mit dem Aufschwung des Krafttrainings, der Sorge um die Körperzusammensetzung, der Angst vor altersbedingtem Muskelverlust und der Beliebtheit sättigender Ernährungsweisen zusammen. 2025 gaben 70 % der befragten US-amerikanischen Verbraucherinnen und Verbraucher an, mehr Protein zu sich nehmen zu wollen; 23 % erklärten, eine proteinreiche Ernährung zu verfolgen. „Gute Proteinquelle“ war zudem das am häufigsten genannte Kriterium für ein gesundes Lebensmittel. Die Lebensmittelindustrie hat mit angereicherten Produkten reagiert, doch ein Lebensmittel wird nicht allein dadurch gesund, dass es das Wort „proteinreich“ trägt. Sein Wert hängt von der gesamten Zusammensetzung, dem Verarbeitungsgrad und den Bedürfnissen der konsumierenden Person ab (Clinthorne et al., 2026).
Protein ist essenziell: Warum mehr nicht immer besser ist
Protein liefert essenzielle Aminosäuren, ist an der Gewebereparatur beteiligt, erhält die Muskelmasse und ist Bestandteil von Enzymen, Hormonen und Antikörpern. Einige Aminosäuren wirken auch als Neurotransmitter oder als Vorstufen von Serotonin, Dopamin, Noradrenalin, Glutamat, GABA und Glycin. Ihre Funktion geht daher weit über die Muskulatur hinaus (Kim et al., 2025).
Eine bedarfsgerechte Zufuhr kann das Sättigungsgefühl fördern, während einer Gewichtsabnahme zum Erhalt der fettfreien Masse beitragen und die Muskelproteinsynthese unterstützen, wenn sie mit Krafttraining kombiniert wird. Diese Vorteile sind besonders relevant für Sportlerinnen und Sportler, ältere Erwachsene, Menschen mit Sarkopenierisiko und Personen, die eine kalorienreduzierte Ernährung einhalten (Clinthorne et al., 2026). Das Problem entsteht, wenn aus einem kontextabhängigen Nutzen eine allgemeingültige Empfehlung wird. Ohne Training hat eine Supplementierung allein nur geringe Auswirkungen auf Kraft und Leistungsfähigkeit. Bei einer körperlich inaktiven Person, die ihren Bedarf bereits deckt, bringt eine höhere Proteinzufuhr wahrscheinlich kaum zusätzlichen Nutzen (Kim et al., 2025).
Außerdem sollte zwischen einer ausreichenden Zufuhr und einem Überschuss unterschieden werden. Der Bedarf verändert sich je nach Alter, Aktivitätsniveau, Schwangerschaft, Erkrankung und Risiko für Muskelverlust. Daher kann eine Menge, die für eine junge, körperlich inaktive Person ausreicht, für einen älteren Erwachsenen oder jemanden, der regelmäßig Krafttraining betreibt, unzureichend sein (Knopf & Lamming, 2026).
Was sagt die wissenschaftliche Evidenz zu proteinreichen Ernährungsweisen?
Evidenz zu den metabolischen Auswirkungen von Protein und seinen Effekten auf die Langlebigkeit
Beobachtete Vorteile einer hohen Proteinzufuhr
Eine der bekanntesten Auswirkungen proteinreicher Ernährungsweisen ist das gesteigerte Sättigungsgefühl. Indem sie den Hunger reduzieren und die Kontrolle der Nahrungsaufnahme erleichtern, können sie eine Gewichtsabnahme unterstützen, wenn sie Teil einer kalorienreduzierten Ernährung sind. In diesem Zusammenhang helfen sie auch, die fettfreie Masse zu erhalten, und können den Energieverbrauch leicht erhöhen (Kim et al., 2025).
Eine hohe Zufuhr kann auch dann nützlich sein, wenn ein geeigneter Muskelreiz gesetzt wird. In Kombination mit Krafttraining fördert eine höhere Verfügbarkeit von Aminosäuren die Muskelproteinsynthese und die Regeneration. Dieser Effekt ist besonders wichtig für Sportlerinnen und Sportler sowie körperlich aktive Menschen, aber auch für ältere Erwachsene, deren anabole Reaktion geringer ausfällt und die mit zunehmendem Alter ein höheres Risiko für Muskelverlust haben (Clinthorne et al., 2026).
Beobachtete unerwünschte Auswirkungen einer hohen Proteinzufuhr
Einige Beobachtungsstudien, darunter Kim et al. (2025), haben gezeigt, dass die genannten Effekte geringer ausfallen, wenn eine hohe Zufuhr nicht mit Bewegung, einer Kalorienrestriktion oder einem erhöhten physiologischen Bedarf einhergeht. Bei körperlich inaktiven Menschen, die ihren Bedarf bereits decken, wirkt sich zusätzliches Protein nur geringfügig auf Muskelmasse, Kraft und Leistungsfähigkeit aus. Außerdem wurde eine hohe Zufuhr von tierischem Protein mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes, Krebs oder Sterblichkeit in Verbindung gebracht. Diese Zusammenhänge sind nicht einheitlich und können von Alter, Gesundheitszustand, körperlicher Aktivität und der Proteinquelle abhängen. Zudem besteht das Risiko, dass eine proteinzentrierte Ernährung andere wichtige Lebensmittel verdrängt. Werden Obst, Gemüse, Vollkornprodukte oder Hülsenfrüchte zugunsten einer höheren Proteinzufuhr übermäßig reduziert, kann die Aufnahme von Ballaststoffen, Vitaminen, Mineralstoffen und bioaktiven Verbindungen sinken, die für die Stoffwechselgesundheit notwendig sind.
In experimentellen Modellen kann eine hohe Verfügbarkeit von Aminosäuren wie Methionin, Leucin, Isoleucin und anderen verzweigtkettigen Aminosäuren Signalwege, die mit dem Zellwachstum zusammenhängen, darunter mTORC1, dauerhaft aktivieren. Diese Aktivierung wurde mit Insulinresistenz, verringerter Autophagie und Prozessen in Verbindung gebracht, die mit dem Altern zusammenhängen; ihre direkte Bedeutung für den Menschen ist jedoch noch nicht vollständig geklärt (Knopf & Lamming, 2026).
Eine hohe Proteinzufuhr könnte zudem im mittleren Lebensalter mit weniger günstigen Auswirkungen verbunden sein, während sie im höheren Alter vor Sarkopenie, Gebrechlichkeit und Mangelernährung schützen kann (Kim et al., 2025).

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Evidenz zu den Auswirkungen von Protein auf das Gehirn
Beobachtete Vorteile einer hohen Proteinzufuhr
Protein liefert die Aminosäuren, die für den Erhalt der neuronalen Struktur und die Bildung von Neurotransmittern benötigt werden. Tyrosin und Tryptophan sind an der Synthese von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin beteiligt, während andere Aminosäuren an den Systemen von Glutamat, GABA und Glycin mitwirken, die alle für die Kommunikation im Gehirn von grundlegender Bedeutung sind (Nagao, 2024).
Verzweigtkettige Aminosäuren sind auch an der Regulation von Glutamat beteiligt. Dieser Neurotransmitter spielt eine zentrale Rolle für die synaptische Plastizität, das Lernen und das Gedächtnis. Eine ausreichende Verfügbarkeit von Aminosäuren könnte daher zum Erhalt dieser Prozesse beitragen (Coelho-Júnior et al., 2021).
Auf struktureller Ebene ergab eine Längsschnittstudie mit Daten der UK Biobank, dass ein höherer Anteil tierischen Proteins mit einem geringeren Rückgang des Hippocampusvolumens verbunden war. Der Zusammenhang zeigte sich auch beim Vergleich des Anteils tierischen und pflanzlichen Proteins und war besonders günstig bei Personen, die Fisch und Meeresfrüchte verzehrten (Cui et al., 2024).
In einigen Interventionsstudien mit proteinreichen Lebensmitteln wurden außerdem Verbesserungen der Durchblutung von Hirnregionen beobachtet, die mit Gedächtnis und psychomotorischer Geschwindigkeit zusammenhängen. Diese Veränderungen wurden vor allem in Studien zu Nüssen und Soja beschrieben, wobei die untersuchten Lebensmittel neben Protein auch andere Nährstoffe enthielten (Adams et al., 2025).
Beobachtete unerwünschte Auswirkungen einer hohen Proteinzufuhr
Die Gesamtproteinmenge wurde nicht durchgängig mit einem besseren Erhalt der Gehirnstruktur in Verbindung gebracht. In der Studie der UK Biobank fanden sich keine signifikanten Zusammenhänge mit dem Gesamtvolumen des Gehirns, der grauen oder weißen Substanz oder den Hyperintensitäten der weißen Substanz. Die Ergebnisse konzentrierten sich nahezu ausschließlich auf den Hippocampus. Außerdem verliefen die beobachteten Zusammenhänge nicht immer linear. In einigen Analysen brachte eine über bestimmte Werte hinaus gesteigerte Zufuhr keine zusätzlichen Vorteile. Daher lässt sich nicht davon ausgehen, dass mehr Protein das Gehirn stärker schützt (Cui et al., 2024).
Diese Befunde lassen sich auch nicht allein dem Protein zuschreiben. Fisch liefert Omega-3-Fettsäuren, Nüsse enthalten ungesättigte Fettsäuren und Polyphenole, und andere proteinreiche Lebensmittel können Vitamine und Mineralstoffe liefern, die sich eigenständig auf die Gehirngesundheit auswirken (Adams et al., 2025).
Auch die Verfügbarkeit von Aminosäuren muss im Gleichgewicht bleiben. Glutamat ist für die Neurotransmission unverzichtbar, doch eine übermäßige extrazelluläre Konzentration kann Exzitotoxizität und neuronale Schäden verursachen. Daher lässt sich der Zusammenhang zwischen Protein und Gehirn nicht auf die Annahme reduzieren, dass eine höhere Verfügbarkeit von Aminosäuren immer vorteilhaft ist (Coelho-Júnior et al., 2021).
Bislang gibt es nur wenige Studien zum langfristigen Verzehr proteinreicher Ernährungsweisen, konzentrierter Supplemente oder angereicherter Lebensmittel und deren Auswirkungen auf die Gehirnstruktur. Ebenso gibt es keine spezifische Empfehlung für eine Proteinmenge zur Vorbeugung von Atrophie, Alzheimer oder anderen neurodegenerativen Erkrankungen (Nagao, 2024).
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Evidenz zu den Auswirkungen von Protein auf die Kognition
Beobachtete Vorteile einer hohen Proteinzufuhr
Studien zur Kognition haben einige positive Effekte festgestellt, allerdings nicht durchgängig. Eine Übersichtsarbeit zu klinischen Studien fand Verbesserungen der psychomotorischen Geschwindigkeit in drei von neun Untersuchungen, in denen eine Proteinintervention mit einer Kontrollbedingung ohne Protein oder mit einer geringeren Menge verglichen wurde. Positive Ergebnisse wurden bei Erdnüssen, Sojanüssen und Milchproteinkonzentrat beobachtet.
Studien zur Kognition (Adams et al., 2025) haben einige positive Effekte festgestellt, allerdings nicht durchgängig:
- Verbesserungen des Arbeitsgedächtnisses, des deklarativen Gedächtnisses und des visuell-räumlichen Gedächtnisses wurden beschrieben, vor allem nach dem Verzehr von Walnüssen, Erdnüssen oder Nussmischungen.
- Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass bestimmte proteinreiche Lebensmittel einzelne kognitive Bereiche günstig beeinflussen könnten. Ihre Wirkung lässt sich jedoch nicht ausschließlich dem Protein zuschreiben.
- In klinischen Populationen fielen einige Ergebnisse deutlicher aus: Eine protein- und kalorienreiche Supplementierung verbesserte die globale Kognition bei Menschen mit subakutem Schlaganfall, während eine Intervention mit Lactoferrin mit besseren Werten bei Patientinnen und Patienten mit Alzheimer-Krankheit verbunden war.
Bei älteren Erwachsenen ohne Demenz haben einige Studien positive Zusammenhänge zwischen einer höheren Proteinzufuhr und Gedächtnis, visuell-räumlichen Fähigkeiten, Sprachflüssigkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Daueraufmerksamkeit festgestellt (Coelho-Júnior et al., 2021).
Langfristig beobachtete eine prospektive Studie mit mehr als 77.000 Teilnehmenden, dass eine höhere Gesamtzufuhr von tierischem und pflanzlichem Protein mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für kognitive Beeinträchtigungen im subjektiven Erleben verbunden war. Besonders günstige Zusammenhänge zeigten sich bei Hülsenfrüchten, Fisch und magerem Geflügel sowie beim Ersatz eines Teils der Kohlenhydrate oder des tierischen Proteins durch pflanzliches Protein (Yeh et al., 2022).
Unerwünschte Auswirkungen und Grenzen einer hohen Proteinzufuhr
Trotz dieser Ergebnisse fand die Mehrzahl der Studien mit gesunden Erwachsenen keine allgemeinen Verbesserungen der Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen, des Gedächtnisses oder der globalen Kognition. Positive Effekte beschränkten sich auf bestimmte Tests, Lebensmittel und Teilnehmergruppen (Adams et al., 2025).
Auch die Metaanalyse von Coelho-Júnior et al. (2021) fand bei älteren Erwachsenen keinen signifikanten Zusammenhang zwischen einer höheren Proteinzufuhr und der globalen Kognition. Dieses Ergebnis war bei Männern und Frauen ähnlich, obwohl sich für einige spezifische Bereiche günstige Zusammenhänge zeigten.
In bestimmten Kontexten wurden auch negative Effekte beschrieben. Eine proteinreiche und kohlenhydratarme Ernährung verbesserte die globale Kognition bei Menschen mit Typ-2-Diabetes nicht; in einer der Studien verschlechterte sich die psychomotorische Geschwindigkeit im Vergleich zu einer herkömmlichen Ernährung (Adams et al., 2025).
Auch die Lebensmittelquelle beeinflusst die Ergebnisse. Während Hülsenfrüchte, Fisch und mageres Geflügel mit einer besseren subjektiven kognitiven Funktion verbunden waren, wurde verarbeitete Wurst und verarbeitetes Fleisch mit stärkeren Beeinträchtigungen in Verbindung gebracht. Diese Unterschiede könnten mit der Menge an fortgeschrittenen Glykierungsendprodukten, dem Fettgehalt und den Zubereitungsmethoden zusammenhängen und nicht allein mit dem Protein (Yeh et al., 2022).
Schließlich sind Adams et al. (2025) der Ansicht, dass die in Studien mit Nüssen beobachteten Vorteile ebenfalls nicht allein ihrem Proteingehalt zugeschrieben werden können, da diese Lebensmittel Ballaststoffe, Polyphenole, gesunde Fette und Mikronährstoffe liefern. Die Unterschiede bei Dosis, Dauer, Proteinquellen, Populationen und kognitiven Tests lassen keine Dosis-Wirkungs-Beziehung ableiten und erlauben es nicht, eine hohe Menge zu bestimmen, die die Kognition verbessert.
Licht- und Schattenseiten des Proteintrends für die Gesundheit
Der Proteintrend hat die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des Erhalts der Muskelmasse, der Vorbeugung von Sarkopenie und der Deckung des Nährstoffbedarfs in verschiedenen Lebensphasen gelenkt. Zudem hat er die Verfügbarkeit praktischer Lebensmittel und Supplemente für Sportlerinnen und Sportler, ältere Erwachsene und Menschen mit erhöhtem Bedarf erweitert. Angereicherte Produkte können die Proteinaufnahme erleichtern, wenn wenig Appetit besteht, Zeitmangel herrscht, eine kalorienreduzierte Ernährung eingehalten wird oder ein konkreter klinischer Bedarf vorliegt. Sie können außerdem helfen, die Zufuhr über den Tag zu verteilen und nach dem Training zu ergänzen (Clinthorne et al., 2026).
Problematisch wird es, wenn Protein als automatischer Gesundheitsindikator gilt. Ein Keks, ein Riegel oder ein Dessert wird nicht allein dadurch ernährungsphysiologisch hochwertig, dass Protein zugesetzt wurde. Manche Produkte enthalten weiterhin große Mengen Zucker, Fett, Süßungsmittel und andere Zusatzstoffe. Das ständige Streben nach mehr Protein kann Lebensmittel verdrängen, die reich an Ballaststoffen, gesunden Fetten, Vitaminen, Mineralstoffen und pflanzlichen Verbindungen sind. Es kann außerdem eine weniger abwechslungsreiche Ernährung begünstigen, die übermäßig auf einen einzelnen Makronährstoff ausgerichtet ist (Kim et al., 2025).
Bei körperlich inaktiven Menschen, die ihren Bedarf bereits decken, hat zusätzliches Protein aus Shakes, Riegeln oder angereicherten Produkten keine relevanten Vorteile für Muskelmasse, Leistungsfähigkeit oder Kognition gezeigt. Der Nutzen dieser Produkte hängt vom individuellen Kontext ab und nicht allein von der darin enthaltenen Proteinmenge.
Fazit zur Proteinzufuhr für Fachkräfte im Gesundheitswesen
Protein ist essenziell, doch seine Bedeutung macht nicht automatisch jedes angereicherte Produkt gesund und rechtfertigt auch nicht, dass die gesamte Bevölkerung ihre Zufuhr erhöhen sollte. Neben der Menge sind auch Qualität, Quelle und Aminosäureprofil wichtig. Proteine unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung und Verdaulichkeit und liefern nicht dieselben Nährstoffe. Ihre Wirkung kann daher je nach Alter, Gesundheitszustand, körperlicher Aktivität und persönlichen Zielen variieren.
Deshalb sollte eine Kennzeichnung mit dem Hinweis „proteinreich“ nicht als Garantie für eine hohe Ernährungsqualität verstanden werden. Manche angereicherten Produkte sind weiterhin hochverarbeitete Lebensmittel und können große Mengen Zucker, Fett, Süßungsmittel oder Zusatzstoffe enthalten. Außerdem muss berücksichtigt werden, welche Proteinart sie enthalten und welche Lebensmittel dadurch in der Ernährung verdrängt werden.
Die aktuelle „Proteinifizierung“ der Ernährung ist zu neu, um ihre langfristigen Auswirkungen auf das Gehirn zu kennen. Es liegen Studien zu Protein, Alterung, Gehirnstruktur und Kognition vor, doch wir wissen noch nicht, was nach jahrzehntelangem regelmäßigem Verzehr von Supplementen und angereicherten Produkten geschieht – insbesondere bei körperlich inaktiven Menschen, die ihren Bedarf bereits decken.
Bislang spricht die Evidenz dafür, extreme Aussagen zu vermeiden. Weder „mehr Protein ist immer besser“ noch „weniger Protein verlängert das Leben“ lässt sich auf alle Menschen übertragen. Am sinnvollsten ist eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung, bei der hochwertige Quellen bevorzugt und Menge sowie Art des Proteins an den individuellen Bedarf angepasst werden. Nicht alle Proteinquellen oder -formulierungen sind für alle Menschen gleichermaßen geeignet, insbesondere bei Allergien, Unverträglichkeiten, Erkrankungen oder besonderen physiologischen Bedürfnissen.
Aus diesem Grund sollten Entscheidungen über eine Erhöhung, Verringerung oder Supplementierung der Proteinzufuhr gemeinsam mit einer Ernährungsfachkraft oder einer anderen Fachkraft im Gesundheitswesen getroffen werden und den Empfehlungen der maßgeblichen Ernährungsorganisationen folgen. Diese ordnen Protein in ein umfassendes Ernährungsmuster ein, statt es zum alleinigen Mittelpunkt der Ernährung zu machen.
Literaturverzeichnis
- Adams, M. S., Mensink, R. P., & Joris, P. J. (2025). Effects of dietary proteins on cognitive performance and brain vascular function in adults: A systematic review of randomised controlled trials. Nutrition Research Reviews, 38, 450–464. https://doi.org/10.1017/S0954422424000271
- Clinthorne, J., Leidy, H. J., & Sollid, K. (2026). A modern take on protein nutrition meets evolving consumer perceptions. The Journal of Nutrition, 156(5), 101477. https://doi.org/10.1016/j.tjnut.2026.101477
- Coelho-Júnior, H. J., Calvani, R., Landi, F., Picca, A., & Marzetti, E. (2021). Protein intake and cognitive function in older adults: A systematic review and meta-analysis. Nutrition and Metabolic Insights, 14, 1–10. https://doi.org/10.1177/11786388211022373
- Cui, F., Li, H., Cao, Y., Wang, W., & Zhang, D. (2024). The association between dietary protein intake and sources and the rate of longitudinal changes in brain structure. Nutrients, 16(9), 1284. https://doi.org/10.3390/nu16091284
- Kim, S. Q., Spann, R. A., Hill, C. M., Berryman, C. E., Berthoud, H.-R., McDougal, D. H., He, Y., Münzberg, H., Yu, S., & Morrison, C. D. (2025). Protein-restricted diets and their impact on metabolic health and aging. Annual Review of Nutrition, 45(1), 269–297. https://doi.org/10.1146/annurev-nutr-121624-114918
- Knopf, B. A., & Lamming, D. W. (2026). The hallmarks of protein and amino acid restriction in aging and longevity. Cell Press Blue, 1, 100079. https://doi.org/10.1016/j.cpblue.2026.100079
- Nagao, K. (2024). Cognition and nutrition: The role of dietary protein and amino acids in cognitive health. Current Opinion in Clinical Nutrition & Metabolic Care, 27(1), 40–46. https://doi.org/10.1097/MCO.0000000000000987
- Yeh, T.-S., Yuan, C., Ascherio, A., Rosner, B. A., Blacker, D., & Willett, W. C. (2022). Long-term dietary protein intake and subjective cognitive decline in US men and women. The American Journal of Clinical Nutrition, 115(1), 199–210. https://doi.org/10.1093/ajcn/nqab236
Häufig gestellte Fragen zu
1. Hilft eine proteinreiche Ernährung, einem Verlust an Gehirnvolumen vorzubeugen?
Der Zusammenhang zwischen der Gesamtproteinmenge und dem Erhalt der Gehirnstruktur verläuft nicht immer linear. Zwar beobachtete eine Studie, dass ein höherer Anteil tierischen Proteins mit einem geringeren Rückgang des Hippocampusvolumens verbunden war, doch eine Steigerung der Zufuhr über bestimmte Werte hinaus brachte keine zusätzlichen Vorteile. Außerdem wurden keine signifikanten Zusammenhänge mit dem Gesamtvolumen des Gehirns oder der grauen beziehungsweise weißen Substanz festgestellt.
2. Wie beeinflussen die Aminosäuren in Proteinen die Gehirnfunktion?
Protein liefert die Aminosäuren, die für den Erhalt der neuronalen Struktur und die Bildung von Neurotransmittern benötigt werden, welche für die Kommunikation im Gehirn essenziell sind. Tyrosin und Tryptophan sind beispielsweise an der Synthese von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin beteiligt. Die Verfügbarkeit dieser Aminosäuren muss jedoch im Gleichgewicht bleiben; ein Überschuss an extrazellulärem Glutamat kann etwa Exzitotoxizität und neuronale Schäden verursachen.
3. Verbessert eine hohe Proteinzufuhr Gedächtnis und Kognition?
Die meisten klinischen Studien mit gesunden Erwachsenen haben keine allgemeinen Verbesserungen der Aufmerksamkeit, der Exekutivfunktionen, des Gedächtnisses oder der globalen Kognition durch eine höhere Proteinzufuhr festgestellt. Die dokumentierten positiven Effekte beschränken sich auf bestimmte Tests und den Verzehr bestimmter Lebensmittel wie Walnüsse oder Erdnüsse. Ihre kognitiven Vorteile beruhen auch auf den enthaltenen Ballaststoffen, Polyphenolen und gesunden Fetten und nicht nur auf dem Protein.
4. Wirken sich tierische und pflanzliche Proteine gleichermaßen auf die Kognition aus?
Die Evidenz deutet darauf hin, dass die Lebensmittelquelle die Ergebnisse beeinflusst. Der Ersatz eines Teils des tierischen Proteins durch pflanzliches Protein wurde mit günstigeren kognitiven Zusammenhängen in Verbindung gebracht. Hülsenfrüchte, Fisch und mageres Geflügel stehen konkret mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für subjektiv wahrgenommene kognitive Beeinträchtigungen in Zusammenhang, während der Verzehr von verarbeitetem Fleisch mit stärkeren Beeinträchtigungen verbunden war.
5. Hilft eine proteinreiche Ernährung, Alzheimer oder Gehirnatrophie vorzubeugen?
Derzeit gibt es nur sehr wenige Studien zum langfristigen Verzehr proteinreicher Ernährungsweisen, von Supplementen oder angereicherten Lebensmitteln und deren direkten Auswirkungen auf die Gehirnstruktur. Die aktuelle Evidenz zeigt, dass keine bestimmte Proteinmenge empfohlen wird, um Gehirnatrophie, Alzheimer oder anderen neurodegenerativen Erkrankungen vorzubeugen.
6. Sind verarbeitete Produkte mit der Kennzeichnung „proteinreich“ gut für das Gehirn?
Nicht unbedingt. Die Kennzeichnung „proteinreich“ macht einen Keks, ein Dessert oder ein Getränk nicht automatisch zu einer gesunden oder für das Gehirn vorteilhaften Wahl. Viele dieser angereicherten Produkte sind weiterhin hochverarbeitete Lebensmittel und können große Mengen Zucker, ungünstige Fette, Süßungsmittel und Zusatzstoffe enthalten.
7. Ist eine zusätzliche Proteinzufuhr durch Shakes oder Riegel bei körperlich inaktiven Menschen sinnvoll?
Bei körperlich inaktiven Menschen, die ihren täglichen Bedarf bereits decken, hat zusätzliches Protein aus Shakes, Riegeln oder angereicherten Produkten nur sehr geringe Auswirkungen auf Muskelmasse, Kraft und Leistungsfähigkeit. Auch für eine Verbesserung der Kognition haben diese Produkte in dieser Bevölkerungsgruppe keine relevanten Vorteile gezeigt. Eine pauschale Einnahme ist daher ohne Muskelreiz oder erhöhten physiologischen Bedarf nicht gerechtfertigt.
8. Sollte ich älteren Erwachsenen Proteinpräparate zur Verbesserung ihrer Kognition empfehlen?
Die Entscheidung sollte individuell getroffen werden. Bei älteren Erwachsenen ohne Demenz bringen einige Studien eine höhere Proteinzufuhr mit Verbesserungen des Gedächtnisses, der Sprachflüssigkeit oder der Verarbeitungsgeschwindigkeit in Verbindung. Metaanalysen haben jedoch keinen signifikanten Zusammenhang zwischen einer höheren Zufuhr und einer Verbesserung der globalen Kognition festgestellt. Ob Supplemente und angereicherte Produkte eingesetzt werden, hängt vom individuellen Kontext ab; bei der Empfehlung müssen die besonderen physiologischen Bedürfnisse der Patientin oder des Patienten berücksichtigt werden.







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