Der Psychologe Ángel Martínez Carcelé stellt einen Vorschlag zur neuropsychologischen Diagnostik und Intervention bei Lese-Rechtschreibstörung anhand des erfolgreichen Falls eines Jugendlichen vor.
Klinischer Fall einer neuropsychologischen Diagnostik und Intervention bei einem 12-jährigen Jugendlichen mit Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten. Dieser Artikel stellt die Ergebnisse der durchgeführten psychometrischen Testbatterie (DST-J, PROLEC-SE-R, D2, Stroop und Rey) vor und beschreibt ein praktisches dreimonatiges kognitives Trainingsprogramm. Dargestellt wird der Einsatz der Plattform NeuronUP für das strukturierte Training von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Sprache. Dabei werden digitale und analoge Methoden kombiniert, um den Therapieerfolg zu sichern.
Die Bedeutung einer frühzeitigen Intervention bei Lese-Rechtschreibstörung
Die spezifische Lernstörung mit Beeinträchtigungen beim Lesen, auch Lese-Rechtschreibstörung genannt, macht etwa 80 % der Diagnosen von Lernstörungen aus. Die geschätzte Prävalenz liegt bei etwa 5 % der Schülerpopulation (Torres, Barrantes und Tajima, 2016). Diese Störung neurobiologischen Ursprungs beeinträchtigt unmittelbar die genaue und flüssige Worterkennung sowie die Dekodierung.
Das Ausbleiben einer frühzeitigen Erkennung und Intervention steht in signifikantem Zusammenhang mit einer Verschlechterung des Selbstwertgefühls und dem Auftreten sekundärer emotionaler Störungen. Werden Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten nicht rechtzeitig angegangen, bleiben sie bestehen und wirken sich negativ bis ins Erwachsenenalter aus, wo sie akademische und persönliche Einschränkungen verfestigen können. Deshalb ist es besonders wichtig, neuropsychologische Programme auf einer empirischen Grundlage zu entwickeln.
Fallvorstellung: Schüler mit Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten
Hintergrund des Jugendlichen
Ein 12-jähriger Jugendlicher besucht die 6. Klasse der Grundschule an einer öffentlichen Schule in der Provinz Córdoba, Andalusien. Seine Lehrerin überwies ihn zunächst an das Team für schulische Beratung (EOE), nachdem sie im Vergleich zu Gleichaltrigen ein deutlich langsameres Lerntempo beim Lesen und Schreiben festgestellt hatte. Anschließend wurde er zur neuropsychologischen Diagnostik an ein spezialisiertes klinisches Zentrum überwiesen, um die betroffenen kognitiven Prozesse genauer einzugrenzen.

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Diagnostische Tests zur Erfassung der Lese-Rechtschreibstörung (DST-J, PROLEC-SE, D2, STROOP und REY)
Es wurde eine standardisierte psychometrische Testbatterie mit den folgenden Verfahren durchgeführt:
- DST-J (Test zur Erkennung von Lese-Rechtschreibstörungen bei Kindern): Der Jugendliche erzielte einen globalen Risikowert von 1,50, was einem hohen Risiko entspricht. Bei wichtigen Untertests wie Lesen, Nonsenslesen, Wortschatz und phonemischer Segmentierung zeigten sich mäßige Beeinträchtigungen. Lediglich bei Reimen und Abschreiben lag kein Risiko vor.
- PROLEC-SE-R (Batterie zur Untersuchung der Leseprozesse): Die Ergebnisse bestätigten erhebliche Schwierigkeiten bei den lexikalischen Prozessen (Wörter und Pseudowörter) und den syntaktischen Prozessen (Satzzeichen und Zuordnungsaufgaben); die Leistungen lagen auf dem 5. Perzentil. Auch die Lesegeschwindigkeit war kritisch niedrig (48 Wörter pro Minute). Der Jugendliche zeigte jedoch eine bemerkenswerte Stärke im Textverständnis und erreichte das 75. Perzentil.
- Aufmerksamkeitstest D2: Die selektive Aufmerksamkeit wurde mithilfe einer visuellen Durchstreichaufgabe untersucht. Das Kind erzielte ein sehr gutes Ergebnis und lag bei der Gesamtleistung (TOT) auf dem 99. Perzentil. Dies weist auf eine gleichbleibende Produktivität und eine ausgezeichnete Fähigkeit zur Unterscheidung visueller Reize hin.
- Stroop-Test: Die Ergebnisse zeigten niedrige Werte bei der Bedingung Wort-Farbe (T=40) und beim Interferenzwiderstand (T=39). Dies deutet auf Schwierigkeiten bei der Inhibitionskontrolle angesichts widersprüchlicher Reize hin.
- Rey-Osterrieth-Figur: Untersucht wurden die visuomotorische Entwicklung und das unmittelbare visuelle Gedächtnis. Beim Abzeichnen zeigten sich mäßige Schwierigkeiten (20. Perzentil) und bei der Wiedergabe aus dem Gedächtnis ein schweres Defizit (1. Perzentil). Dies bestätigt Beeinträchtigungen der kurzfristigen visuellen Speicherung.
Vorschlag für eine Intervention bei Lese-Rechtschreibstörung mit NeuronUP
Programmaufbau und klinische Ziele
Um den Bedürfnissen des Jugendlichen gerecht zu werden, wurde mithilfe von NeuronUP ein individualisierter Interventionsvorschlag entwickelt. NeuronUP ist eine webbasierte Neurorehabilitationsplattform mit einem von Fachleuten validierten theoretischen Rahmen. Das Programm stützt sich auf das Prinzip der ökologischen Validität. Das digitale Aufgabentraining soll die Kriterien der Repräsentativität (Ähnlichkeit mit realen Aufgaben) und der Generalisierung (Übertragung des kognitiven Zugewinns auf die Aktivitäten des täglichen Lebens des Jugendlichen) erfüllen (Kvavilashvili & Ellis, 2004).
Das primäre klinische Ziel besteht darin, die Lese- und Rechtschreibfähigkeiten durch systematisches Training der Prozesse Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Sprache zu verbessern. Die Intervention umfasste drei Sitzungen pro Woche (montags, mittwochs und freitags) mit einer Dauer von jeweils 45 Minuten und erstreckte sich über einen Zeitraum von drei Monaten (insgesamt 36 Sitzungen, die per Fernbehandlung von zu Hause aus durchgeführt wurden).
Sitzungsplan
Die neuropsychologischen Interventionssitzungen wurden nach folgendem Arbeitsplan strukturiert:
| Woche | Montag | Mittwoch | Freitag |
|---|---|---|---|
| Wochen 1 bis 12 | Schwerpunktmäßiges Training von Aufmerksamkeit und Sprache. | Schwerpunktmäßiges Training von Gedächtnis und lexikalischen Prozessen. | Integration exekutiver Funktionen sowie des Lesens und Schreibens. |
NeuronUP-Aktivitäten zum Training bei Lese-Rechtschreibstörung
Auf der Plattform wurden dynamische Aufgaben ausgewählt, deren Schwierigkeitsgrad angepasst werden kann und die auf das Profil des Jugendlichen zugeschnitten sind:
- Aufmerksamkeit: Aktivitäten wie „Elemente aus einer Kategorie auswählen“ (zur Förderung der selektiven Aufmerksamkeit und des semantischen Gedächtnisses), „Wiederholte Wörter“ (für selektive Aufmerksamkeit und das Arbeitsgedächtnis) sowie „Das animierte Labyrinth“ (zur Förderung der wechselnden Aufmerksamkeit durch das Befolgen wechselnder Anweisungen).
- Gedächtnis: Aktivitäten wie „Bring meine Unordnung in Ordnung“ und „Merkmal und Element zuordnen“, die den Zugriff auf den Speicher des semantischen Gedächtnisses festigen und beschleunigen sollen.
- Sprache: Aktivitäten wie „Angle das Wort“ (Wörter bilden, indem Silben geordnet werden), „Gegenstände anhand phonologischer Hinweise benennen“ (zur Verringerung der Defizite bei Benennleistung und Lexikon) sowie „Zahlen in Buchstaben umwandeln“ (Training der lexikalisch-visuellen Leseroute).
Um die Intervention flexibel zu gestalten, wurden die digitalen Aktivitäten mit selbst erstellten Übungen auf Papier kombiniert, etwa Matrizen zur Graphemdiskrimination und Aufgaben, die Psychomotorik mit Kurzzeitgedächtnis verbinden, wie das Nachklatschen einer Rhythmusfolge.
Klinische Schlussfolgerungen zur Anpassung an verschiedene Formate
Der Einsatz multiformatiger Plattformen wie NeuronUP ermöglicht eine präzise Kontrolle wichtiger neuropsychologischer Variablen wie der Reizexpositionszeit und der Reaktionszeiten. Aus klinischer Sicht ist die Anpassbarkeit der Aktivitäten – durch die Kombination digitaler und haptischer beziehungsweise papierbasierter Materialien – unverzichtbar, um die intrinsische Motivation des Jugendlichen aufrechtzuerhalten und die Therapieadhärenz zu sichern. Die neuropsychologische Intervention bei Lernstörungen sollte nicht starr sein. Eine präzise Erfassung der Defizite ermöglicht es, beeinträchtigte Verarbeitungswege (visuelle oder phonologische) zu kompensieren und dabei auf die erhaltenen Stärken des Jugendlichen aufzubauen, wie in diesem Fall auf sein ausgezeichnetes Leseverständnis und seine selektive Aufmerksamkeit.
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Persönliche Schlussfolgerungen
Die Auseinandersetzung mit der entwicklungsbedingten Lese-Rechtschreibstörung aus der Perspektive der angewandten Neuropsychologie hat mir gezeigt, dass hinter Schwierigkeiten im Unterricht eine komplexe funktionelle und neurobiologische Desorganisation steht, die weit über das reine Lesen hinausgeht. Die individuelle Entwicklung von Materialien und die Kombination technologischer und analoger Hilfsmittel verbessern nicht nur die kognitive Leistungsfähigkeit des Jugendlichen, sondern beugen auch schulischer Isolation und Frustration vor. Als Fachkräfte in der Neuropsychologie sollte unser Ziel über die psychometrischen Testergebnisse hinausgehen: Wir müssen alltagsrelevante Strategien vermitteln, die sich direkt auf das sozioemotionale Wohlbefinden und die Lebensqualität des Jugendlichen auswirken.
Literaturverzeichnis
- American Psychiatric Association (APA) (2013): Manual de Diagnóstico y Estadístico de los Trastornos Mentales, DSM-5. Editorial Médica Panamericana. Madrid – Brickenkamp, R. (2002). Prueba D2 de Atención. Madrid, España: TEA Ediciones – Cuetos, F., Arribas, D., Ramos, J. L (2016) Batería para la Evaluación de los Procesos Lectores en Secundaria y Bachillerato-Revisada. Madrid, España: TEA Ediciones – Dislexia en positivo.Asandis (2010). Guía general sobre la Dislexia. Andalucía – Fawcett, A. J., & Nicolson, R. I. (2004). Test para la Detección de la Dislexia en Niños. Madrid, España: TEA Ediciones
- Kvavilashvili, L., & Ellis, J. (2004). Ecological validity and twenty years of real-life/laboratory controversy in memory research: A critical (and historical) review. History and Philosophy of Psychology, vol 6, 59-80
- Rey, A. (1941). REY. Test de Copia de una Figura Compleja. Madrid, España: TEA Ediciones
- Torres, B., Barrantes, M. A ., y Tajima, K, (2016). Psicopatología y Clínica Infantil. APIR
Häufige Fragen zur Lese-Rechtschreibstörung bei Jugendlichen
1. Welche psychometrischen Tests werden zur Diagnostik einer Lese-Rechtschreibstörung bei Jugendlichen empfohlen?
Für eine umfassende Diagnostik ist es entscheidend, eine standardisierte Testbatterie durchzuführen, die sowohl das Lesen als auch weitere kognitive Bereiche erfasst. Wie der klinische Fall zeigt, empfiehlt sich der Einsatz von Verfahren wie dem DST-J zur Ermittlung des Risikowerts und dem PROLEC-SE-R zur Untersuchung lexikalischer und syntaktischer Prozesse. Ergänzend dienen der D2-Test, der Stroop-Test und die Rey-Osterrieth-Figur der Messung von Aufmerksamkeit, Inhibitionskontrolle und visuellem Kurzzeitgedächtnis.
2. Wie lange sollte ein kognitives Trainingsprogramm bei Lese-Rechtschreibstörung dauern?
Die Dauer sollte an die Bedürfnisse der jeweiligen Person angepasst werden. Um einen Transfer der Fähigkeiten zu erreichen, ist jedoch regelmäßiges Training erforderlich. In diesem klinischen Fall wurde ein intensives dreimonatiges Programm mit drei Sitzungen pro Woche von jeweils 45 Minuten angesetzt.
3. Sind digitale Plattformen wie NeuronUP bei der Behandlung von Lernstörungen wirksam?
Ja. Der Einsatz webbasierter Neurorehabilitationstools wie NeuronUP ist durch ihre ökologische Validität begründet und ermöglicht eine präzise Kontrolle der Reizexpositions- und Reaktionszeiten. Klinische Erkenntnisse legen jedoch nahe, dass die größte Wirksamkeit durch eine Anpassung an verschiedene Formate erreicht wird: Die digitalen Aufgaben werden mit Übungen auf Papier kombiniert, um die Motivation und Therapieadhärenz des jugendlichen Patienten aufrechtzuerhalten.
4. Welche kognitiven Funktionen sollten bei einer Person mit Lese-Rechtschreibstörung vorrangig trainiert werden?
Da eine Lese-Rechtschreibstörung mit einer komplexen neurobiologischen Desorganisation einhergeht, die über das reine Lesen hinausgeht, sollte das Training ganzheitlich angelegt sein. Das primäre klinische Ziel sollte auf der systematischen Förderung von Aufmerksamkeit (selektiver und wechselnder Aufmerksamkeit), Gedächtnis (insbesondere dem Zugriff auf den semantischen Speicher) und Sprache liegen. Dabei werden die Benennleistung und die lexikalisch-visuelle Leseroute trainiert.







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