Der neuropsychopedagogische Fachmann Juan Carlos Cancelado Rey erläutert in diesem Artikel die Neuropsychologie der Aphasie ausgehend von einem Prozessmodell und geht dabei auf Definition, Merkmale, Symptome und betroffene Prozesse der Broca-Aphasie und der Wernicke-Aphasie ein.
Neuropsychologie der Aphasie ausgehend von einem Prozessmodell: „Nie hätte ich gedacht, dass Sprechen so schwierig ist“ (Broca), „Was ist los, dass man mich nicht versteht?“ (Wernicke)
Die Sprache ist zwar eine menschliche Fähigkeit zur Kommunikation durch Artikulation, ihre Bedeutung liegt jedoch darin, wie sie den Geist formt und diesen anderen Ausdruck verleiht. Daher kann man Sprache als eine kognitive Funktion betrachten, die gemeinsam mit anderen Funktionen arbeitet und Prozesse integriert.
Dies hilft uns, besser zu verstehen, was in der klinischen Praxis oft schwer zu unterscheiden ist, wenn es darum geht, bei wem eine Aphasie vorliegt und bei wem nicht. Da es kein physisches Merkmal gibt, das uns eine klinische Darstellung eines spezifischen oder globalen aphasischen Syndroms liefert, ist die Art und Weise, es festzustellen – so paradox es klingt – das Anstrengung beim Sprechen und Verstehen. Der Patient muss entweder korrekt sprechen und verstehen können, oder sein Gesprächspartner hat Schwierigkeiten, ihn zu verstehen oder zu wissen, was er mitteilen möchte.
Was sind Aphasien?
Aphasien bezeichnen Sprachstörungen als Folge einer erworbenen Hirnschädigung, die die verbale Kommunikationsfähigkeit auf expressiver, rezeptiver und/oder globaler Ebene beeinträchtigen (Ardila, 2005).
Die Bostoner Schule, vertreten durch Goodglass und Kaplan (2002), definiert Aphasie als Störungen in Artikulation, Produktion und Verständnis der Sprache, die nicht durch eine muskuläre Inkoordination oder Lähmung physiologischer Ätiologie erklärbar sind.
Die diagnostischen Bezeichnungen Broca- oder Wernicke-Aphasie beschreiben jedoch nicht spezifisch das kognitive Profil des Patienten nach Prozessen, da es viele Überschneidungen gibt. Sie sind dennoch ein praktisches Kommunikationsinstrument im klinischen Alltag zwischen Fachleuten, um mehr ins Detail der zugrundeliegenden kognitiven Defizite gehen zu können.
Sprachprozesse: Anatomo-pathologische Beziehungen und Aspekte der neuropsychologischen Evaluation
Die Sprachprozesse nach Ellis und Young (1992) ermöglichen es, zentrale Aspekte zu unterscheiden, wie Fehler bei erworbener Hirnschädigung oder bei Sprachstörungen neurodegenerativer Ätiologie.
1. Wiederholung
Bei der Geburt sind wir bereits sprachlich orientiert. Die Wahrnehmungssysteme, wie das auditive, reifen und passen sich mit der Entwicklung an die Umwelt an. Dieser Prozess wandelt akustische Information in phonologische um.
Dabei sind auch andere zugrundeliegende Prozesse wie das lexikalisch-semantische Gedächtnis und sein Zusammenhang mit der phonologischen Schleife des Arbeitsgedächtnisses zu berücksichtigen.
Dieser Mechanismus, genannt akustisch-phonologische Umwandlung im kognitiven Prozessmodell, ist entscheidend für den Spracherwerb.

Nach dem Doppelwegmodell von Gregory Hickok und David Poeppel (2004) ist die Wiederholung eng mit der dorsalen oder sublexikalischen Bahn verknüpft, die im linken Hemisphäre lateralisiert ist. Die phonologische Information wird über diese Route zu sensomotorischen Integrationsbereichen geleitet und tritt dann über den Gyrus angularis, das Faszikel des Gyrus arcuatus und das Broca-Areal in den artikulatorischen Bewegungsprozess ein. Auch der superior longitudinale Faszikel spielt eine wichtige Rolle für Wiederholung und phonologische Aspekte im Arbeitsgedächtnis.
Die Evaluation der Wiederholung erfolgt in der Regel:
- qualitativ während der Anamnese mit dem Patienten;
- mittels Tests, die Silben, Silbenpaare, Lautfolgen, wortähnliche Nonwörter, Paare phonologisch verwandter Wörter und Sätze prüfen.
Beide Herangehensweisen können helfen, die Art der Aphasie und den beeinträchtigten Prozess genauer zu bestimmen.
2. Verständnis
In den ersten Lebensjahren wächst das phonologische Lexikon exponentiell. Der semantische Speicher wird durch Beziehungen und Erfahrungen mit der Umwelt automatisiert. Wörter und Bedeutungen werden in raschem Tempo erworben, was akustisch-phonologische Analysen und emotional gefärbte Erfahrungen verknüpft.
Dank des phonologisch-semantischen Speichers und der Verbindung aus gehörtem Wort, akustischer Analyse und Eingangslexikon im semantischen System (Vega, 2012) kann eine Person:
- Wörter und akustische Codes als Text verstehen;
- die grammatische Struktur ihrer expressiven Sprache stärken und beim Sprechen Ordnung, Intonation, Wortwahl sowie phonologische, syntaktische und semantische Kohärenz bewahren.
Doppelwegmodell
Nach dem Doppelwegmodell von Gregory Hickok und David Poeppel (2004) übernimmt der ventrale Pfad in den temporalen Regionen vorrangig lexikale und semantische Prozesse. Ist das uncinierte Faszikel (Verbindung von anterioren Temporallappen und inferioren Frontallappen) beeinträchtigt, leidet das Verständnis komplexer syntaktischer Strukturen. Schädigungen im Faszikel arcuatus beeinträchtigen hingegen das Verständnis isolierter Wörter.
Zur Evaluation gehören qualitative Daten aus sorgfältiger Anamnese und klinischer Beobachtung sowie die Wahl geeigneter Tests zur Prüfung visueller, visuell-verbaler und/oder verbal-verbaler Fähigkeiten.
Als Ziel sollten alle Testmodalitäten genutzt werden, um zwischen primären und sekundären Verständnisdefiziten unterscheiden zu können.

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3. Produktion
Sprachproduktion beginnt mit der Notwendigkeit zu kommunizieren. Je besser unser phonologisches und semantisches Gedächtnis gefüllt ist, desto flüssiger wird die artikulierte Sprache.
Bei der Produktion unterscheiden wir einen bedeutungslosen Direktweg über die akustisch-phonologische Umwandlung und einen semantischen Inhaltsweg.
Dies erklärt, warum manche Patienten spontan sprechen können, aber nicht wiederholen, und umgekehrt. Pseudowörter und echte Wörter werden getrennt bewertet, da sie unterschiedliche Pfade durchlaufen.
Sprachproduktion zeigt sich grammatikalisch korrekt in Syntax, Phonologie, Phonetik, Lexikon und Semantik, sonst werden Abweichungen in klinischen Beobachtungen und Tests sichtbar.
Die generativen Wege verlaufen meist dorsal, entsprechend dem Doppelwegmodell (Gregory & Poeppel, 2004).
Sprachtestverfahren
Bei der Sprachbeurteilung ist das spontane Sprechen eine wichtige Informationsquelle (Lezak et al., 2012). So lassen sich diskriminative akustisch-phonologische, rezeptive (semantische Auswahl, lexikalische Angemessenheit, Phonemwahl), Flüssigkeit und Sprechproduktion erfassen.
Üblicherweise werden drei Testformen verwendet:
- Direktfrage-Tests,
- Bildbeschreibung,
- Antworten auf Fragen zu einem historischen Thema.
Artikulatorische Gewandtheit, grammatische Form und Intonation werden häufig mit dem Boston Diagnostic Aphasia Examination getestet.
Einige Autoren betonen die Satzlänge, da sich Normgrenzen (z. B. neun Wörter bei einer einzigen Ausatmung ohne Pausen) besser quantifizieren lassen (Helm-Stabrooks & Albert, 2005).
4. Benennung
Die Benennung ist ein zentrales Symptom der Aphasie. Benennungsprobleme zeigen sich je nach betroffenem Prozess. Dies wird als Aniomie bezeichnet, oft sichtbar durch Umschreibungen oder Paraphasien.
Arten der Aniomie
In der Praxis lassen sich drei Formen der Aniomie unterscheiden (Fernández & Vega, 2006):
1. Zugangs-Aniomie
Bei der Zugangs-Aniomie hat der Patient das Wort „auf der Zungenspitze“, kann es aber mit phonologischen Hinweisen erinnern.
Zum Beispiel hilft der Hinweis auf den Anfangsbuchstaben:
— Untersucher: Beginnt mit einem M,
— Patient: „Ah, jetzt weiß ich’s! Es ist ‘Mesa’!“
Diese Form ist anatomisch oft schwer zu lokalisieren; sie kann frontale Abrufprozesse oder Veränderungen in der weißen Substanz betreffen.
2. Semantische Aniomie
Patienten kennen das Objekt, haben aber nicht das Wort. Bei der Nennung eines Stuhls reagiert der Patient überrascht:
— Untersucher: „Das ist ein Stuhl.“
— Patient: „Stuhl? Heißt das so?“
Der reduzierte Wortschatz weist auf semantische Störungen in anterioren Temporallappenregionen hin.
3. Phonologische Aniomie
Hier ist die Auswahl des Phonems fehlerhaft. Die Produktion erfolgt mit Silbenannäherungen, z. B.:
— Patient: „Das ist ‚Torne… torci… tornito… Nein – ‚Tornillo‘!“
Der Gyrus angularis ist oft beteiligt, da er phonologische Prozesse unterstützt.
Aniomie wird meist mit dem Boston Naming Test (Kaplan et al.,1978) oder dem DO-80 Oral Naming Test (Deloche & Hannequin,1997) untersucht.

Vor diesem Hintergrund wurden die Prozesse erläutert, um das Bild der Broca- und Wernicke-Aphasie zu verstehen, ohne nur das Diktomodenken des Läsionsmodells („Broca spricht nicht“, „Wernicke versteht nicht“) zu verfolgen.
Unter Berücksichtigung der perisylvischen Syndrome – Broca, Leitungsaphasie, Wernicke –, die sich um die Silvio-Furche im linken Hemisphäre gruppieren, erleichtert die differenzierte Betrachtung der Broca- und Wernicke-Syndrome das Verständnis ihrer jeweiligen Semiologie und ihrer Variationen bei anteriorer, medialer oder posteriorer Schädigung der perisylvischen Region.
Broca-Aphasie
„Nie hätte ich gedacht, dass Sprechen so schwierig ist“
Auch bekannt als efferente oder kinetische Aphasie (Luria,1970), expressive Aphasie (Hécaen & Albert,1978), verbale Aphasie (Head,1926) und Broca-Aphasie (Benson,1979).
Was ist die Broca-Aphasie?
Dieses Syndrom umfasst Störungen der Sprachflüssigkeit.
Merkmale der Broca-Aphasie
Die Broca-Aphasie zeichnet sich aus durch:
- einen eingeschränkten expressiven Sprachfluss,
- Beeinträchtigung der Wiederholung,
- kurze, agrammatische Äußerungen,
- größere Probleme bei Verben als bei Substantiven,
- meist lokalisierte Läsionen in den inferioren fronto-lateralen Arealen um die Silvio-Furche (Brodmann-Areale 44 und 45).
Artikulatorische und verbale Fehler bei Broca-Aphasie
- Vereinfachungen: Reduktion von Silbenstrukturen, z. B. „tes“ statt „tres“.
- Antizipation: z. B. „lelota“ statt „pelota“.
- Persistentierung: z. B. „pepo“ statt „peso“.
- Ersetzung frikativer Phoneme: Ersetzung von (f, s, j) durch (p, t, k), z. B. „plor“ statt „flor“.
- Agrammatismus: Störung der Satzstruktur, z. B. „perro jardín“ statt „los perros están en el jardín“. Oft assoziiert mit subkortikalen Läsionen im Versorgungsgebiet der mittleren Hirnarterie oder im inferioren Frontallappen.
Beeinträchtigte Prozesse bei Broca-Aphasie
Zu den gestörten Prozessen gehören:
- Spontansprache ist nicht flüssig, kräftezehrend, oft einzelne Wörter und kurze Phrasen.
- Phonetik und Phonologie: Dysarthrie, Auslassen von Phonemen, Reduktion von Konsonantengruppen, phonologische Paraphasien.
- Morphosyntax: Agrammatismus, Telegrammstil, mangelhafte prosodische Gestalt, relativ erhaltener auditiver Satzverstand.
- Benennung: phonologische Aniomie, verbessert durch Silbenhinweise.
- Wiederholung: beeinträchtigt.
- Lesen: fehlerhaft, agrammatisch, bradilalisch, abgehackt.
- Schreiben: orthografische Fehler, Auslassungen, Buchstabenersetzungen.
In der Praxis zeigen Patienten mit Broca-Aphasie variierende Ausprägungen: von leichten Artikulationsfehlern bis zu stark eingeschränkter Sprachautomatisierung, phonologischer Aniomie mit Hinweisen zur Verbesserung, und jeweils unterschiedliche Fehlerprofile in Sprechen und Verständnis.
Wernicke-Aphasie
„Was ist los, dass man mich nicht versteht?“
Auch bekannt als sensorische, rezeptive oder zentrale Aphasie.
Was ist die Wernicke-Aphasie?
Die Wernicke-Aphasie resultiert aus Läsionen im posterioren Gyrus temporalis superior und mittleren Gyrus temporalis, dem sogenannten assoziativen auditorischen Kortex.
Störungen bei der Wernicke-Aphasie
Wernicke-Aphasie umfasst folgende Merkmale:
- Logorrhö: flüssige, aber desorganisierte Sprache;
- viele Paraphasien:
- semantische: Ersetzung durch bedeutungsnahe Wörter, z. B. „Kuh“ statt „Milch“;
- phonologische: Ersetzen eines Phonems, z. B. „casa“ zu „cata“;
- nach Jakobson (1964) führt mangelnde Satzgrenze zu exzessiven Strukturelementen (Paragrammatismus).
Merkmale der Wernicke-Aphasie
- Während bei der Broca-Aphasie Artikulation und Sprechpraxis der Produktion beeinträchtigt sind, dominieren in der Wernicke-Aphasie Paraphasien aufgrund gestörten semantischen Zugangs.
- Die audi
… etc.Dieser Artikel wurde übersetzt; Link zum Originalartikel auf Spanisch:
Neuropsicología de las afasias desde un modelo de procesos: «Nunca pensé que hablar fuera tan difícil», Afasia de Broca, «¿qué les pasa que no me entienden?», Afasia de Wernicke







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